RB Leipzig: Profifußball mit System?

Um den Fußball in Leipzig gibt es bundesweit hitzige Diskussionen. Dies gilt insbesondere, seit Red Bull dort Fuß gefasst hat. Oft ist die Betrachtung der Situation jedoch zu einseitig. Gastautor Arndt-Philipp Ohms hat sich Gedanken zu Red Bull Leipzig gemacht.

Um den Fußball in Leipzig gibt es bundesweit hitzige Diskussionen. Dies gilt insbesondere, seit Red Bull dort mit der Gründung des Fußballvereins RB Leipzig Fuß gefasst hat. Oft ist die Betrachtung der Situation jedoch zu einseitig. Gastautor Arndt-Philipp Ohms hat sich Gedanken zu Red Bull Leipzig gemacht.

Der Profifußball im Osten

Im Jahr 2009 richtete Red Bull mit dem Fußballverein Rasenballsport Leipzig e.V. (RB Leipzig) einen sportlichen Standort in Leipzig ein. Der Energydrink-Riese aus dem österreichischen Fuschl bei Salzburg ist jederzeit darum bemüht, sein Sponsoring-Portfolio zu erweitern. Dabei setzen die strategischen Entscheider rund um Firmenchef Dietrich Mateschitz nicht nur auf etablierte Größen wie die Formel 1, sondern gehen stets auch in Extremsportarten und rufen sogar eigene Events ins Leben, wie unter anderem das global beachtete Projekt Red Bull Stratos.

Red Bull besetzt damit Nischen, die ihren Teil zum Gesamtbild der Marke beitragen. Eine solche Nische gab es fußballerisch auch in Ostdeutschland. Seit der Wende und der damit einhergehenden Einführung einer Meisterschaft im ganzen Bundesgebiet ist der Fußball im Osten auf dem absteigenden Ast. Schon in der Premierensaison 1991/1992 stieg mit Hansa Rostock einer der beiden aufgenommenen Ostklubs aus der auf 20 Vereine aufgestockten Bundesliga ab. In der damals noch geteilten zweiten Liga kamen drei der vier direkten Absteiger aus den neuen Bundesländern der Republik, der Vierte aus Berlin. Der sportliche Graben zwischen Ost und West war zu tief.

Seither läuft der Fußball im Osten hinterher, auch wenn einige Clubs sich zeitweise wieder in die Belletage des deutschen Fußballs vorarbeiten konnten.

Aktuell gibt es,  Hertha BSC mal ausgenommen, keinen Verein in der ersten Liga und mit mit UnionAue, Dresden und Cottbus derzeit vier Clubs in der zweiten Liga. Cottbus ist bereits abgestiegen, Dresden ist abstiegsbedroht.

RB Leipzig als strategische Entscheidung

Red Bull hat die eigenen Prinzipien optimal angewandt. In einer Nische wählte das Unternehmen bewusst den Standort Leipzig aus, um dort am Reißbrett Profifußball zu entwickeln. Leipzig bot ideale Bedingungen für dieses Projekt: Einerseits ist die Stadt vergleichsweise zentral gelegen und nach der Hauptstadt die größte Stadt in Ostdeutschland, andererseits sind die großen Leipziger Vereine Lokomotive Leipzig und Sachsen Leipzig (zwischenzeitlich aufgelöst) seit Jahren nicht im Profifußball in Erscheinung getreten. Zudem bietet Leipzig den infrastrukturellen Vorteil eines modernen, erstligatauglichen Stadions, dessen Namensrechte sich Red Bull 2010 gesichert hatte. Durch die mit den Statuten des deutschen Fußballs und des Vereinsrechts vereinbare Gründung des Rasenballsport Leipzig e.V., der Abgekürzt die an Red Bull erinnernde Nennung RB Leipzig erlaubt, und durch die Übernahme der Fußballabteilung des SSV Markanstädt, die wegen der Spielberechtigung in der fünftklassigen Oberliga strategisch sinnvoll gewesen ist,  startete das Projekt RB 2009 direkt an der Schwelle zum Profifußball. Der Verein wurde umgehend Meister seiner Liga und stieg in die Regionalliga auf, was ihn auf Anhieb zum erfolgreichsten Club Leipzigs machte.

Dieses Konzept wurde und wird oft kontrovers diskutiert. Jeder neuerliche RB Leipzig-Aufstieg löst ein nationales Echo aus, aktuell der wahrscheinliche sportliche Aufstieg in die zweite Bundesliga. 11Freunde-Herausgeber Philipp Köster bezeichnete RB Leipzig als eine schallende Ohrfeige für die deutsche Fußballkultur.

Das kann man durchaus so sehen. In der von Traditionsvereinen geprägten deutschen Landkarte wirbelt RB Leipzig noch mehr Staub auf, als es Dietmar Hopp vor einigen Jahren mit der TSG 1899 Hoffenheim tat. Denn der Rasenballsport Leipzig e.V. ist kein Fußballverein im konservativen Sinne des nationalen Verständnisses. Vielmehr handelt es sich um ein Marketingprojekt, das als Werbeträger der Marke Red Bull instrumentalisiert wurde. Gängige Grundlagen wie ein aktives Vereinsleben und das autonome Wachsen eines Vereins ohne Einfluss von Investoren werden bei RB Leipzig bewusst vernachlässigt und missachtet. Ein hoher Mitgliedsbeitrag von 800,-€ pro Jahr und die Tatsache, dass alle neun (!) Mitglieder des Clubs eine enge Bindung zum Konzern haben, spricht Bände. Der Verein wird von Red Bull direkt gesteuert. So ist es auch kaum überraschend, dass es die Red Bull GmbH selbst ist, die als langfristiges Ziel den Aufstieg in die Bundesliga ausgibt.

An diesen Aspekten stößt sich Köster und steht mit dieser Meinung gewiss nicht alleine da. Der Ruf nach der 50+1-Regel, die den Einfluss von Investoren begrenzt, sowie nach der Besinnung auf traditionelle Werte wird von Flensburg bis München laut. Das Projekt RB Leipzig wird an den Pranger gestellt, das Unternehmen Red Bull verurteilt. Doch so einfach ist es nicht. Im Detail gibt es drei Aspekte, die man immerhin in Betracht ziehen muss, wenn man RB Leipzig objektiv diskutieren möchte.

1. Instrumentalisierung als Werbeträger

Red Bull: Instrumentalisierung des Fußballs als Werbeinstrument
Red Bull: Instrumentalisierung des Fußballs als Werbeinstrument
Bildquelle: Wikipedia, Werner100359 (CC BY 3.0)

Viele der Kritiker übersehen in der Diskussion um den unternehmensgesteuerten Verein, dass die traditionellen Modelle ohnehin ausgedient haben. Fußballvereine gründen Kapitalgesellschaften und bandeln mit Großkonzernen an, um Millionenbeträge für den eigenen Spielbetrieb zu akquirieren. Daraus resultieren Investitionen in „Steine und Beine“, also in die Infrastruktur und in den Kader. Dies ist erforderlich, um den nationalen Spitzenfußball im internationalen Vergleich konkurrenzfähig zu halten und den erfolgreichen Weg der letzten Jahre weiter zu beschreiten. Nach langem Streit mit Hannover-Präsident Martin Kind ging die DFL dabei im Jahr 2011 einen großen Schritt auf Investoren zu: Sponsoren, die seit mindestens 20 Jahren bei einem Verein engagiert sind, können die 50+1-Regel umgehen und einen Verein gewissermaßen übernehmen. In der Kommerzialisierung des Fußballs ist RB dann lediglich der logische nächste Schritt.

2. Vereinsleben und Mitgliedsbeitrag

Auch die Traditionsvereine als solche sind im Profifußball ein Auslaufmodell. Einerseits ist die aktive Mitbestimmung durch die Mitglieder oftmals ein Hindernis im operativen Geschäft. Die Ausgliederung in Kapitalgesellschaften hat für die Klubs die Folge, dass sie die jeweiligen Mitglieder nicht in Ihre Entscheidungen einbeziehen müssen. Der FC Bayern kann seine Anteile frei an Audi, Adidas und die Allianz verkaufen. Der Hamburger SV als prominentes Beispiel eines „wahren“ Vereins kommt hier jedoch in Probleme. Jüngst ist unklar, ob der Bundesliga-Dino die Lizenz für die neue Spielzeit tatsächlich erhält, weil er Verbindlichkeiten in Höhe von rund 100 Mio. € aufgebaut hat. Eine Lösung könnte die Auslagerung des Profibereichs sein – die Mitglieder stimmen darüber am 25.05.  ab, kurz darauf vergibt die DFL die Lizenzen. Das hypothetische Szenario einer Verweigerung der Mitglieder und des damit potentiell möglichen Zwangsabstieges durch Lizenzentzug ist ein GAU für die Heerschaaren von HSV-Fans und Fußballfreunden in ganz Deutschland.

DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig sagt dazu, dass ein Klub, der als Verein und nicht als Kapitalgesellschaft auftritt, seinen „Mitgliedern die Möglichkeit zur Mitbestimmung“ geben muss. Nimmt man es juristisch genau, ist dieser Umstand in Leipzig gegeben. Alle neun Mitglieder des Vereins können an den Entscheidungen mitwirken.

Dass die DFL trotzdem von einem Mangel an Beteiligungsmöglichkeiten durch die Mitglieder spricht, liegt auf der Hand. Gern wird hier die Summe von 800,-€ Mitgliedsbeitrag in die Debatte geführt. Die DFL sieht hier eine Hürde, welche die Menschen in und um Leipzig daran hindern soll, dem Verein beizutreten und ihn so aktiv mitzugestalten. Dies kann jedoch nur eingeschränkt so gelten: Natürlich ist der Beitrag vergleichsweise überzogen hoch. Und natürlich kann sich auf diesem Wege nicht mehr jeder Interessierte die Mitgliedschaft im Klub leisten. Andererseits jedoch fordern andere Sportklubs nicht selten einen Jahresbeitrag im vierstelligen Bereich. Beispielsweise im Golfsport ist dies eher die Regel denn die Ausnahme, selbst kleinste Golfclubs legen sich auf 1000,-€ fest. Im Golf ist das legitim, im Fußball jedoch nicht? Als Argument gegen RB Leipzig ist dieser Umstand zumindest fragwürdig.

3. Die Kompetenz

Der Ruf nach konservativen Werten, nach Traditionen und nach Mitbestimmung bleibt – völlig zurecht – laut. Vereine sollen aus sich selbst heraus wachsen, heißt es. Doch gerne wird dabei übersehen, dass zahlreiche Traditionsvereine sich selbst durch riskante Entscheidungen gefährden und zerstören. Prominente Beispiele sind die Kickers Emden, der VfB Lübeck, Alemannia Aachen und Arminia Bielefeld. Durch alle Ligen hindurch ist diese Liste beliebig zu erweitern. Teils kuriose Entscheidungen führen quer durchs Land zu finanziellen Engpässen, halbfertigen Stadien und Insolvenzen.

Oliver Bierhoff: Wir brauchen ein Sportdirektor- und Manager-Zertifikat“ Bildquelle: Wikipedia, Tomukas - Thomas Holbach (CC BY-SA 3.0)
Oliver Bierhoff: „Wir brauchen ein Sportdirektor- und Manager-Zertifikat“
Bildquelle: Wikipedia, Thomas Holbach (CC BY-SA 3.0)

Doch der Vorstoß von Oliver Bierhoff, der eine Lizenz zumindest für Bundesligamanager forderte, blieb ungehört. Und so gehen weiterhin regelmäßig Fußballvereine in hausgemachte Krisen.

Ein sehr häufiges Problem ist hierbei, dass die Entscheidungsträger aus dem aktiven Sport kommen. Ehemalige Profis kennen zwar die internen Abläufe eines Vereins, haben aber oft keine betriebswirtschaftliche Ausbildung. Idealismus, gute Kontakte und breite Sympathien bringen sie in Positionen, welche sie fachlich nicht bekleiden können. Dies ist sicher nicht immer, doch aber zu häufig der Fall.

Auch hier stellt Red Bull das Gegenkonzept: Der Konzern hat mit der Eigenvermarktung ein übergeordnetes Ziel, welches durch den sportlichen Erfolg erlangt werden soll. Um den sportlichen Erfolg sicherzustellen, werden Schlüsselpositionen im Verein nach Kompetenz vergeben. Und wenn sich der Erfolg nicht einstellt, wird radikal ausgetauscht. Dass Red Bull hierbei keine Skrupel kennt, zeigt sich an der Tatsache, dass Trainer und Sportdirektoren zum Teil auch nach einem Aufstieg ausgewechselt werden, wenn sie nicht länger zur Strategie des Unternehmens passen.

Schlussbemerkung RB Leipzig

Die Debatte rund um den Verein des Getränkelieferanten wird zu oberflächlich geführt. Eine objektive Betrachtung ist aber der Schlüssel zu einer authentischen Einschätzung der Lage. Einige Denkanstöße hierzu habe ich oben vorgestellt.

Erhält der Klub die Lizenz, hat Leipzig wieder einen Zweitligisten. Und für die Menschen vor Ort, dass zeigen 39.000 Zuschauer im Spiel gegen Darmstadt am Osterwochenende, wird das höchste Zeit.

 

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